Samstag, 27. Mai 2017

entlang der Seidenstrasse - Bukhara, Samarkand

Endlich geht es los! Voller Motivation treten wir in den noch kühlen Morgenstunden vom 16.05.17 in die Pedalen. Einzig die schlechten Strassenverhältnisse mit riesigen Schlaglöchern und Bodenwellen mindern etwas die Freude am Vorwärtskommen.
Kaum ausserhalb der Stadt befinden wir uns inmitten von Feldern, die in mühseeliger, harter Arbeit bei der grössten Hitze von Hand bestellt werden. Wagengespanne mit Esel, Fahrradfahrer und Fussgänger teilen mit uns und wenigen Autos die Strasse. Überhaupt zeigen sich die Usbeken als Velo begeisterte Bevölkerung. Neben kleinen Einkäufen werden auch grössere Transportfahrten damit erledigt. Die Befestigung des Gepäcks am Velo ist dabei meist abenteuerlich und äusserst kreativ.

Es geht geradeaus, den ganzen Tag, über 100km. Die gefahrenen Kurven können an einer Hand abgezählt werden. Unterwegs suchen wir immer wieder Schatten zum Abkühlen - zurück auf Betriebstemperatur. Sogar Sven's Natel warnt vor Überhitzung und stellt selbst ab.
Am Himmel türmen sich immer dunklere Wolken auf. Den ersten Regenschauer warten wir in einem überdachten Strassencafé ab. Wir bestellen Shashlik - Fleischspiesse - das einzige Wort, das sowohl wir als auch die Angestellten (wir werden sofort umringt und von vers. Seiten angesprochen, alle wollen helfen) vom Restaurant verstehen. Im Verlauf vom Nachmittag baut sich eine weitere Front auf. Den Sandsturm harren wir Schutz suchend in einer Tankstelle aus.

Brückenüberquerung in Usbekistan: Kurz vor Miskin überqueren wir die neue Eisenbahn- und Strassenbrücke. Zuerst werden wir an einem  Checkpoint registriert. Unsere Passkopien werden auf's Genauste studiert. Auf der Brücke selbst stehen im Abstand von 50m bewaffnete Beamten. Ein Beispiel für die repressive Staatsform. Überhaupt sind Polizeibeamten ubiquitär, Kontrollen häufig. Entgegen der gehörten Schreckensgeschichten erlebten wir die Beamten uns gegenüber bis anhin immer freundlich. Ihr eigentlicher Job scheint auch eher zweitrangig zu sein, viel eher interessieren sie sich, ob wir verheiratet sind (schyná? = Ehefrau, wobei sie auf mich zeigen) und für die Anzahl unserer Kinder, womit wir sie leider jedes Mal enttäuschen.

Nach der Brücke endet der Strassenbelag abrupt, wir stehen am Anfang der Kysylkum Wüste. Die auf der Karte eingezeichnete Strasse existiert nicht mehr, stattdessen haben wir das Vergnügen mit der übelsten Buckelpiste aus sandigem Untergrund.
Am Horizont sind bereits wieder Gewitterwolken zu sehen, die drohend näher rollen. Eher ungemütlich, wenn ich an unsere Velos aus Stahl denke und wir die einzige Erhöhung in der flachen Ebene darstellen. Kurz vor dem Eindunkeln erreichen wir Sand gepudert ein Motel und entschliessen uns hier zu schlafen.
Den Regenschauer, den Sandsturm sowie das Gewitter (und alles am ersten Tag) deuten wir als Zeichen einer höheren Macht, besser von der geplanten Wüstendurchquerung in 3-4 Tagen nach Bukhara abzusehen. Insbesondere die herrschende Hitze über 40°C, an die wir uns noch nicht wirklich gewöhnt haben, ohne die Möglichkeit sich im Schatten auszuruhen, hat uns davor abgeschreckt.
Am nächsten Tag organisieren wir mit Hilfe des nur russisch oder usbekisch sprechenden Hotelpersonals mit viel Gestikulieren einen Transport ins gut 300km entfernte Bukhara.

Bukhara: Eine weitere Sagen umwobene Stadt der Seidenstrasse. Die Ankunft hier haben wir uns zwar etwas glorreicher und euphorischer vorgestellt, nach Tagen des Verzichts in der Wüste. Im kleinen Sarrafon B&B finden wir ein gemütliches Quartier. Im Innenhof spielt sich gleichzeitig das Familienleben der Gastfamilie ab.

In den Tagen darauf schlendern wir durch die Altstadt von Bukhara. Es gibt viel zu entdecken. Insbesondere der Platz mit der Kalon Mosque und der gegenüberliegenden Mir-i-Arab Medressa zieht uns in seinen Bann. Je nach Tageszeit und Sonneneinstrahlung schimmern die Mosaike in den unterschiedlichsten Blautönen. Abends erwacht der Platz zu Leben, Kinder spielen Fussball oder fahren Velo.
Abends lernen wir in den zahlreichen Restaurants die Vielfalt der usbekischen Küche kennen.

WC-Papier in Usbekistan: Das WC-Papier ist alles andere als soft und deckt sich in etwa mit unserem feinstem Schmirgelpapier.

On the road again: Die nächste Etappe führt uns in gut 300km auf der M37 nach Samarkand. Wir kommen gut voran. Mehrheitlich ist die Strasse geteert und in gutem Zustand.
Unterwegs spüren wir einmal mehr die Freundlichkeit der Leute. Überall wird uns gewunken - wir winken sicher an die 100x pro Tag zurück, es wird gehupt und nicht selten werden wir zum Tee eingeladen. So auch in Oqtosh mitten auf dem Markt, wo wir von Odilbek und seiner Mutter nach Hause eingeladen werden. Aus der Einladung zum Tee wurde ein Nachtessen - es wird extra Plov, das Nationalgericht (Reis mit Karotten, Fleisch und viel Öl), gekocht - und schliesslich eine Übernachtung incl. Frühstück im Haus von Odilbeks Bruder mit Familie. Die Gastfreundschaft kennt wirklich keine Grenzen in diesem Land! Ausnahmsweise konnten alle Söhne der Familie englisch, da sie in Tashkent studiert hatten, was uns einen unterhaltsamen und inforeichen Abend bescherte.

An die Hitze müssen wir uns erst noch gewöhnen. Bei über 37-43°C fühlt es sich spätestens ab 15 Uhr an, als ob das Hirn überzukochen droht. Wir hangeln uns von Schattenplatz zu Schattenplatz, von einem Glacestand zum nächsten (die Usbeken machen wirklich gutes Glace!) und trinken Unmengen, mind. 6l pro Person.
Erfreulicherweise ist der Strassenrand oft gesäumt von Bäumen, meist Maulbeerbäume, die aktuell Früchte tragen. Wie wir erfahren, dient deren Laub der Seidenraupe als Futter. Das erklärt, wenn man an die hiesige Seidenproduktion denkt, weshalb diese oft radikal zurück geschnitten werden und das Laub auf Gefährten aller Art weggekarrt wird.

Samarkand: noch eine Stadt mit ihren eindrücklichen Bauten. Nur wirkt hier alles grösser und imposanter. Gross ist die Stadt unter Amir Timur 1370 geworden und im Anschluss bis 1449 durch seinen Enkel Ulubek regiert worden, ehe die Herrschaft unter Uzbek Shaybanids nach Bukhara verlegt wurde. Wo ein neues geistliches und intellektuelles Zentrum aufgebaut wurde.

Die Eintritte zu den Sehenswürdigkeiten sind teuer, doppelt so teuer wie im Reiseführer aus dem Mai 2014 angegeben, was wohl der starken Inflation zuzuschreiben ist.
Meist sind die Bauten - speziell der Registan - abgeriegelt und von den grün gekleideten Staatsmänner bewacht. Diese machen keinen Hehl daraus, für einige zusätzliche Soms einmal länger weg zu schauen oder eine eigentlich verschlossene Tür zu öffnen. Wir machen das Spiel nicht mit, obwohl uns das verlockende Angebot gemacht wurde bei Sonnenaufgang (wenn der Registan eigentlich noch geschlossen ist) auf eines der Minarette (das eigentlich nicht zugänglich ist) zu steigen.

Am sehenswertesten ist eindeutig der Registan mit den drei rechtwinklig zueinander angelegten Medressen. Wobei der Platz dazwischen ursprünglich als Marktplatz diente. Neben den historischen Bauten sind in der Stadt Spuren der Sowjets mit überdimensionierten Strassen und Plattenbauten nicht zu übersehen. Eine eigentliche Altstadt existiert nicht, da die Stadt über die Jahrhunderte mehrfach zerstört wurde. Einzig der Registan und die anderen grossen Sehenswürigkeiten trotzten den fremden Streitmächten, wenn auch speziell in der Zeit der Sowjets nicht unzimperlich Renovations- und Restaurationsarbeiten vorgenommen wurden. Hie und da nahm sich der Architekt auch die Freiheit einer zusätzlichen türkisen Kuppel heraus, wie bei der Tilla-Kari Moschee.




am Shashlik Grillieren
Gewitterfront rückt näher


noch so gerne wird eine Probefahrt gemacht
Velos werden für Wüstendurchquerung aufs Auto verladen
Altstadt von Bukhara, Gasleitungen
Bukhara, Ulugbek Medressa
Bukhara, Kalon Moschee
Abendstimmung vor Mir-i-Arab Medressa, Bukhara
Bukhara, Kalon Moschee bei Nacht



Bukhara, Char Minar
Gasse in der Altstadt von Bukhara

Abfahrt bereit, vor der Mir-i-Arab Medressa, Bukhara
staubige Nebenstrasse

Begegnung unterwegs
Proviantsuche auf dem Markt in Oqtosh
Eingeladen bei der Familie von Odilbek
Bester Pantomime: von ihm erfahren wir von anderen Veloreisenden, von seiner Familie und noch vieles mehr, ohne ein Wort einer gemeinsamen Sprache gesprochen zu haben
Neustadt in Samarkand
Geld zählen, 100 USD=166 Noten in 5'000er Scheinen
Registan, Samarkand
Registan, Samarkand
Decke im Amur Timur Mausoleum, Samarkand
Registan, Samarkand
Registan, Samarkand
Decke in der Tilla-Kari Medressa, Registan, Samarkand
Registan, Samarkand


Veloladenauf dem Bazaar, Samarkan
Am Wandern

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