Sonntag, 9. Juli 2017

Mitten im Pamir, auf nach Kirgistan! Murgab - Osh

Nun waren wir also da, mitten auf der Hochebene vom Pamir! Genauso rasch wie sich das Landschaftsbild verändert hat, wechselte auch die Bevölkerung. Die Hochebene wird hauptsächlich von Kirgisen bewohnt, gut erkennbar an den weissen, hohen Filzhüten der Männer (Kalpak). Auch zieren erste Jurten die Ebene. Tadschiken sieht man nur noch selten. Schade! Einen derart schnellen Wandel haben wir nicht erwartet. Wir fanden gar nicht richtig Zeit und Gelegenheit uns von den Tadschiken zu verabschieden.



Die Landschaft wurde karger. Braun in den verschiedensten Nuancen ist die vorherrschende Farbe. Bei einer Höhe über 3800 Meter scheinen Himmel und Wolken nah, Flüsse und Seen sind eiskalt blau.

Leider hat der Wind die Richtung gewechselt. Ab Murgab radeln wir über die ganze Ebene mit Gegenwind. Früh aufstehen lohnt sich wieder einmal. Am Morgen ist es meist noch windstill. Erst gegen Mittag dreht der Wind jeweils auf.

Direkt nach Murgab erwartet uns der höchste Pass der Tour, der Akbaital Pass mit 4655m. Wir unterteilen den Aufstieg in zwei Etappen, fahren so nahe an die Passrampe, wie wir Wasser finden. Es wird eine windige und kühle Nacht auf über 4000 Meter.
Die Höhe vertragen wir zum Glück gut. Einzig die Atmung geht schwer. Geht's aufwärts, hört man wohl trotz Wind mein lautes Keuchen.
Der Aufstieg am nächsten Morgen ist steil. Wir wünschten uns einen kleineren Gang. Die letzten Kilometer auf den Pass verabschiedet sich wieder einmal der Asphalt. Auch für die Abfahrt müssen wir uns mit Schotter abfinden.
Leider hatten wir nicht das Glück Marco Polo Schafe, wie man sie hier oben antreffen sollte, zu sehen.

Übernachten in einer alten Karawanserei aus den Zeiten des Handels entlang der Seidenstrasse: Nur wenige Kilometer nach dem Pass stossen wir auf die alten Gemäuer. Noch immer intakt ist der Innenhof von dem mehrere Gewölbe abgehen. Neben dem antiken Ambiente zwischen den alten Mauern geniessen wir vor allem die Windstille. Nachdem uns das Zelt in der vorigen Nacht um die Ohren flatterte, entscheiden wir uns trotz der frühen Nachmittagsstunden hier zu bleiben und unser Nachtlager aufzubauen. Wir geniessen einen sonnigen, warmen Nachmittag, gemeinsam mit dem neuseeländischen Ehepaar Jo & Alan.

Am nächsten Morgen verirrten sich erstmals einige Schneeflocken auf unser Zelt. Zum Glück nur eine kurze Laune der Natur und zum Glück wussten wir zum damaligen Zeitpunkt noch nicht, dass wir in wenigen Tagen eingeschneit werden.

Karakol: In einer kurzen Etappe gelangen wir in das kleine Dörfchen Karakol am gleichnamigen See. Im Morgenlicht strahlt der See türkisblau. Ich könnte alle paar Meter stehen bleiben und Fotos machen. In Karakol kommen wir im Homestay Algerim unter, eine sehr sympathische Familie, sehr um das Wohl ihrer Gäste bemüht. Es wird extra frisches Brot gebacken. Nach einer Stunde einfeuern, ist das heisse Wasser bereit zum Duschen.

Duschen auf tadschikisch: In einem kleinen Raum stehen 3 Eimer. Einer gefüllt mit kochend heissem Wasser, einer mit eiskaltem Wasser und ein leerer zum Mischen. Mit einer Kelle giesst man sich das Wasser an.

Seit einigen Tagen begleitet uns rechterhand der Grenzzaun nach China, er verläuft mehr oder weniger parallel zur Strasse. Die wahre Grenze ist aber einige Kilometer enfernt, entlang der Hügelkette. Anscheinend Ausdruck von Bemühungen Chinas stetig nach Westen vorzurücken. Die tadschikische Bevölkerung scheint den Zaun nur bedingt zu tolerieren, wo er im Weg steht, wird er kurzerhand durchtrennt, um an das Weideland auf der anderen Seite zu kommen.

Nach Karakol verlässt uns leider das Wetterglück. Man mag abergläubisch sein oder nicht (oder Murphy lässt grüssen), aber Sven bemerkte erst am selben Morgen, bis anhin habe er die gesamte Regenausrüstung vergebens mitgefahren. Wie schnell sich die Dinge ändern können!
Während dem Aufstieg auf den Kizil Art Pass, der gleichzeitig die Grenze zu Kirgistan markiert, werden wir von einem Schneegestöber eingeholt. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als wenige Kilometer nach dem Pass unser Zelt aufzustellen.  Es wird eine ungemütliche, frische Nacht. Regelmässig muss der nasse, schwere Schnee vom Zelt geklopft werden.
Am nächsten Morgen erwartet uns eine wahre Schlammschlacht auf der Strasse. Der Dreck verwandelt sich dank des Schnees zu einem klebrigen, schweren Schlamm, der sich überall festsetzt. Der Zahnriemen von meinem Velo kommt mit der Pampe nicht klar, er verhockt und fällt raus. Wir müssen Wasser vom Fluss holen, um ihn notdürftig zu reinigen und wieder einlegen. Im ersten Flussbett, das wir überqueren, wird die gesamte Ausrüstung einmal im Wasser geschwenkt.
Der Abschied von Tadschikistan resp. die Ankunft in Kirgistan haben wir uns anders vorgestellt!

Wenigstens verläuft der Grenzübertritt sowohl auf tadschikischer Seite wie auch in Kirgistan reibungslos. Die Schauergeschichten, die man von anderen Tourenfahrern hört, scheinen passé. Das Grenzpersonal wurde nach zahlreichen Beschwerdebriefen rigoros ausgetauscht. Die tadschikische Grenzkontrolle findet rund 1km vor dem Pass statt. Der kirgisische Zoll befindet sich erst 20km weiter in Bodobö. Wir übernachten notgedrungen wegen dem Schnee dazwischen, eine Nacht im No-mans-land, was glücklicherweise keiner der Beamten stört.

Regnerische Ankunft in Kirgistan: Unsere erste Etappe in Kirgistan wird von Regen gekrönt. Praktisch mit der Grenze wechselt die Landschaft. Die Hügel sind nun grün. Überall stehen gruppierte Jurten, umgeben von frei grasenden Pferden, Schafen und Kühen. Sieht man das saftige grün, ist anzunehmen, dass wir nicht das letzte Mal verregnet werden...

Langsam setzen uns die Anstrengungen und Strapazen der letzten Tage zu. Wir freuen uns auf die bevorstehenden, ruhigen Tage in Osh. Bis dahin sind es aber noch gut 200km, 2 Tagesaetappen ab Sary Tash mit 2 Pässen. Die Ruhetage müssen also verdient werden. Wenigstens wechselt mit der Grenze auch der Strassenbelag. Wir geniessen perfekten Asphalt.
Kurz vor Gulchö, dem Tagesziel, werden wir von einer Gewitterfront überrollt. Innert kürzester Zeit verwandelt sich die Strasse in ein rauschendes Bachbett. Die niederprasselnden Hagelkörner schmerzen auf der Haut. Ein Blick um die Kurve zeigt nichts Gutes. Ein Erdrutsch ist nieder gegangen. Es haben sich bereits wartende Autos angesammelt. Ein Truckfahrer bietet uns Unterschlupf vor dem strömenden Regen in seiner Fahrerkabine an. Kaum sitzend erhalten wir bereits einen Becher vergorene Stutenmilch (Kumys, DAS Nationalgetränk). Bereits der Geruch schreckt mich ab, entschuldigend lächelnd lehne ich ab. Sven hingegen ist tapfer. Gut 24 Stunden später wird er es bereuen...
Sobald der Regen nachlässt, schieben, stossen und hiefen wir unsere Räder über die Gesteins- und Schlammmassen noch bevor Räumungsfahrzeuge die Strasse frei pflügen. Wie es so ist im Leben, ein Unglück kommt selten allein. So müssen wir insgesamt 3 Erdrutsche überqueren, ehe wir todmüde, nass und schlammig in Gulchö ankommen. Zum Glück finden wir dort ein nettes Guesthouse. Beide schlafen wir nach dem Nachtessen sofort ein. Am nächsten Morgen will keiner wirklich das bequeme Bett verlassen, geschweige denn auf's Velo sitzen. Beim Lostrampeln sind die Beine ungewohnt schwer. Aber Osh und die verlockenden Ruhetage rufen! So schaffen wir es irgendwie die knapp 1000 Höhenmeter auf den Chyrchyk Pass hoch. Bei Sven macht sich im Tagesverlauf ein zunehmend unruhiger Bauch bemerkbar und spätestens als er erstmals notfallmässig in die Büsche verschwinden muss, wird klar, dass wohl die vergorene Stutenmilch für seinen Magen nicht so bekömmlich war.
Zum Glück geht es nach dem Pass nur noch runter bis nach Osh, von 2400m rollen wir auf 800m hinunter. Es wird zunehmend wärmer. Die Kälte und der Schnee der letzten Tage sind rasch vergessen. Plötzlich gibt es am Strassenrand wieder bunte und frische Frucht- und Gemüsestände. Die Auslage in den Läden besteht nicht mehr nur aus Süssigkeiten und Alkohol. Nach den Tagen in der rauhen, einsamen Natur eine wahre Wonne.

Kurz vor Gulchö treffen wir auf das Bieler Paar Nadja und Marc, die ab Osh in entgegengesetzter Richtung unterwegs sind. In den letzten Wochen haben wir mehrfach Infos und Tipps für die Route ausgetauscht. Am Strassenrand berichten wir über unsere Erfahrungen im Pamir. Für sie beginnt die Tour erst. Wir wünschen ihnen gute Fahrt!
Wir Glücklichen dürfen ihre Kirgistan-Karte für unsere restliche Tour ausleihen. Was die Etappe durch Kirgistan anbelangt, waren wir etwas nachlässig in den Vorbereitungen. Wir verschoben das Pläne Schmieden ganz auf Osh.

Ankunft in Osh: Im Tes Guesthouse finden wir eine gemütliche Bleibe, ideal um ein paar Tage auszuspannen. Sven verschwindet nach der Ankunft rasch im Bad, wo er leider die erste Nacht mehrheitlich verbringen wird. So rasch wie die Verdauungsprobleme begonnen haben, normalisieren sie sich auch wieder. Bereits am zweiten Abend in Osh befindet Sven, er sei nun bereit zum Pizza essen. Von meiner Aufbaukost in mehreren Stufen will er nichts wissen.

Ab nun steht also dem Schlemmen, dem Ausspannen und dem Planen für die nächsten Tage nichts mehr im Wege. Natürlich verdienen auch unsere beiden Velos eine gründliche Reinigung. Danach sehen sie (fast) aus wie neu.
Wir werden die ruhige Oase erst wieder verlassen, wenn die Sehnsucht nach der Strasse ruft. Denn es scheint als ob uns auch in Kirgistan längere Abschnitte auf rauhen, schlechten Strassen erwarten.


Camp vor dem Akbaital Pass

geschafft, auf dem Akbaital Pass


Nachtlager in der alten Karavanserei



Pamir Highway - M41

Karakol Lake, türkisblau


Homestay in Karakol




entlang des chinesischen Grenzzauns

Schneesturm auf dem Weg zur Grenze/ Kizil Art Pass


Penne kochen im Zelt bei Schnee draussen

Schnee am nächsten Morgen




Das Grün von Kirgistan



Erdrutsch, einer von drei


Ankunft in Osh

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