Dienstag, 1. August 2017

Eine glorreiche Tour und ihr abruptes Ende. Naryn - Karakol

Wirklich schwer fällt uns der Abschied von Naryn nicht. Das Dorf vermochte uns nicht zu begeistern.
Noch einmal zieht es uns ins Landesinnere, in die Berge, weg von den Hauptverbindungsstrassen entlang des Naryn-Tals in Richtung Issyk Köl.

Je weiter wir talaufwärts kommen umso spärlicher wird die Besiedlung und umso weniger der Verkehr. Bald sind wir wieder bei der mittlerweile gewohnten Quote von einer Hand voll Autos täglich angelangt. Deutlich häufiger sind die Begegnungen mit Vierbeinern auf der Strasse.
Über der Strasse kreisen häufig Adler in der Luft und halten Ausschau nach ihrer nächsten Beute. Einer dieser riesen Vögel fliegt für meinen Geschmack etwas zu tief und interessiert über unsere Köpfe, was mich derart ablenkt, dass ich prompt in den Strassengraben stürze. Mit ein paar Prellungen komme ich glimpflich davon.

Ausserhalb von Eki-Naryn finden wir in einem kleinen Jurtcamp eine Unterkunft für die Nacht. Das Camp wird von einer jungen Familie aus Bishkek betrieben. In den Sommermonaten Juni - September sind sie mit ihren Pferden und Kühen hier. Neben den Tieren leben sie vom Tourismus. Allerdings hätten sie dieses Jahr kaum Gäste gehabt. Wir können nicht verstehen weshalb, um unser leibliches Wohl zeigt man sich einmal mehr herzlich bemüht. In einer kleineren, etwas abseits stehenden Jurte wird uns mit viel Decken und Matten ein bequemes Nachtlager vorbereitet.
Wir haben wieder einen guten Riecher gehabt. Nur kurze Zeit nach unserer Ankunft rollt ein Gewitter über uns. In der Jurte wird es herrlich gemütlich. Auch nachts regnet es noch mehrmals. Am Morgen ist die Wolle der Jurte triefend nass, es riecht nach nassem Schaf.

Überhaupt scheint uns das Wetterglück seit unserer Ankunft in Kirgistan verlassen zu haben. Es hat jeden Tag mindestens einmal geregnet. Beim Anblick der vielen saftigen Grünflächen ist dies aber irgendwie auch nicht weiter verwunderlich. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns dem Rhythmus des Wetters anzupassen. Ab dem Mittag beginnen sich jeweils die Wolken aufzublähen und aufzutürmen, bis irgendwann am frühen Nachmittag mindestens eine von ihnen platzt. Wir werden geübt darin, immer im letzten Moment unser Zelt aufzustellen. Nass wurden wir kein einziges Mal, unser Zelt hingeggen schon.
Ein Zeltplatz ist jeweils rasch gefunden. Wiesen hat es soweit das Auge reicht, an Platz und Flüssen als Wasser- und Waschquelle mangelt es auch nicht. Allerdings mag das Tal noch so einsam und unbewohnt wirken, kaum haben wir uns jeweils installiert, kriegen wir jedes Mal neugierigen Besuch von Hirten in Begleitung einer Herde Schafe, Kühe oder Pferden, die noch vor der Dunkelheit zusammengetrieben werden müssen. Oft werden wir auch zu ihnen nach Hause eingeladen oder die Besucher wollen sich vergewissern, dass bei uns alles in Ordnung ist.

Je weiter und höher wir im Tal kommen, umso alpiner wird es und umso vertrauter wird uns die Landschaft. Mehr als einmal ertappen wir uns dabei, uns sehr heimisch zu fühlen. Beim Anblick der Gletscherbäche, der grünen Alpwiesen mit Enzianen und Edelweissen sowie Alpenrosen ist dies auch nicht besonders schwierig.

Das Tal verlangt nochmals so einiges von uns ab. Der Strassenzustand wechselt zwischen gut und sehr schlecht, die Steigungen betragen mehrmals über 10%. Die Krönung bildet der Tosor-Pass, gleichzeitig der letzte Pass auf unserer Tour. Die letzten 2 km auf den Pass sind grauenhaft steil, schieben zu zweit ist angesagt. Die Strasse hat derweil vergessen, dass sie eigentlich eine Strasse ist. Felsbrocken reihen sich an Felsbrocken. Wohl der einzige Zeitpunkt auf unserer Tour, zu dem ich Bewunderung für die Autofahrer empfinde. Wie die Fahrer mit ihren Geländewagen eine solche Piste erfolgreich meistern, ist mir ein Rätsel.

Kurz vor dem Pass stehen wir plötzlich in hochalpinem Gelände. Die Strasse zieht über die Gletschermoräne hinweg, vorbei an Gletscherabbrüchen und dem Gletschertor. Wir schieben einige Kilometer, bis die Strasse das Fahren wieder zulässt. Vom Pass geht es abwärts, über 2200 Höhenmeter runter ans Ufer vom Issyk Köl, dem zweitgrösste Gebirgssee (nach dem Titicacasee) der Welt mit einer Länge von über 180 km und einer Breite von 60 km. Übersetzt bedeutet sein Name "heisser See", denn trotz Lufttemperaturen von -20°C im Winter gefriert er nie. Steht man an dessen Ufern mit seinen Sandstränden hat man das Gefühl am Meer zu sein. Im Hintergrund wird die Szenerie von Hügeln und Schnee bedeckten Gipfeln umrahmt.
Der See ist unter anderem bei Russen und Kasachen sowie auch Einheimischen als Badedestination beliebt. Währenddem sich entlang des nördlichen Ufers Hotelkomplexe reihen, ist das südliche Ufer vergleichsweise ruhig. Tatsächlich sind die Uferabschnitte mehrheitlich unverbaut und die Strände frei zugänglich. Weder stört man sich an lauten Strandbars noch lärmen Motorboote über das Wasser. Überhaupt scheint so gut wie kein Schiffsverkehr zu existieren. Wir hoffen, die Region wird in Bälde nicht vom Tourismus und dessen Infrastruktur überrollt...
Auch wir planen hier einige Tage "Badeurlaub" ein, auch in der Hoffnung den Zebralook nach 2 Monaten Velofahren loszuwerden.

Aber zuerst gilt es die Abfahrt hinter uns zu bringen. Mit der Zeit geht diese ziemlich in Arme und Schultern. Und dann knapp 8 km vor dem Erreichen der Hauptstrasse, schwankt das Hinterrad an Svens Velo plötzlich haltlos hin und her. Ein Blick zum Rad verheisst nichts Gutes. Die Hinterradnabe ist gebrochen! Nie und nimmer hätten wir dies erwartet. Die Bruchstelle kommt uns seltsam vor. Wir sind gespannt was tout terrain dazu sagt...
Die Stimmung verschlechtert sich rasant. Uns beiden ist klar, dass dies soeben der letzte Moment auf dem Velo gewesen ist auf unserer Reise. Hier kurz vor dem Ende ein brauchbares Ersatzrad aufzutreiben ist unmöglich/ macht keinen Sinn. Zum Glück haben wir sowieso nicht mehr weite Sprünge auf dem Fahrrad geplant und wollten zum Abschluss das Land noch zu Fuss mit einem Rucksack auf dem Rücken entdecken. Trotzdem ist es schade, dass es nach 2730 km auf dem Velo ein solches Ende nimmt.

Bei weit und breit keiner Menschenseele, das letzte Auto hat uns vor Stunden überholt, wird das Rad notdürftig mit Kabelbindern repariert. Während dem Sven mühsam das eiernde Gefährt über die Strasse schiebt, fahre ich voraus in der Hoffnung Hilfe zu finden. Bereits wenige Kilometer später werde ich bei einem Bauernhaus fündig. Die Familie ist gerade mit der Ernte der Aprikosen beschäftigt. Es braucht nicht viel Erklärung, der Mann ist rasch bereit uns mit seinem Van aus der Patsche zu helfen. Wir zeigen uns im Gegenzug mit einer grosszügigen Entlöhnung erkenntlich.
So erreichen wir Tosor, das Dorf am Ufer vom Issyk Köl, enttäuscht und müde.
Nach einem Wechsel vom Guesthouse, dem ersten feinen Mittagessen in der neuen Unterkunft umgeben vom üppig blühenden Garten und dem ersten erfrischenden Schwumm im klaren Wasser des Sees bessern sich unsere Launen wieder und wir sind bereit das Beste daraus zu machen.
Nach 3 Tagen am Strand ziehen wir (gezwungenermassen im Auto) weiter nach Karakol, dem Trekkingmekka von Kirgistan, wo wir eine mehrtägige Trekkingtour planen.


einer der zahlreichen Friedhöfe


hier fliessen der kleine und der grosse Naryn zusammen



idyllischer Zeltplatz




Flussüberquerung, kalte Füsse sind garantiert






kurz vor dem Tosor-Pass

Gletscher, kurz nach dem Tosor-Pass


Sicht auf den Issyk Köl von der Passstrasse



Schadensbilanz, Hinterradnabe ist gebrochen!

notdürftige Reparatur

am Ufer vom Issyk Köl


Keine Kommentare:

Kommentar posten